100 KÖPFE

Als Ausdruck der höchsten Konzentration des menschlichen Antlitzes steht der Kopf in der bildenden Kunst seit Jahrtausenden im Interesse des Künstlers. Dabei ist die Bandbreite der Erscheinungen immens und reicht von der Wiedergabe der äußeren Erscheinung und der Individualität eines Menschen über den Ausdruck psychischer Befindlichkeit bis hin zur Darstellung eines generalisierten Menschenbilds. Die Ausstellung 100 Köpfe, in die DIE GALERIE akzentuiert wichtige Aspekte; sie versammelt Künstler, denen das Bildnis über Jahre hinweg stetiges Bedürfnis künstlerischen Ausdrucks war und ist, und die eine eigene Bildsprache dafür gefunden haben.

Die Ausstellung startet mit einer veristisch ausgearbeiteten Handzeichnung eines farbigen Afrikaners des Karlsruher Malers Karl Hubbuch (1891–1979), neben George Grosz und Otto Dix Hauptvertreter der Neuen Sachlichkeit der 1920er und 1930er Jahre.

Beispiele aus dem graphischen Werk von Pablo Picasso (1881–1973) sowie Gemälde des französischen Surrealisten André Masson (1896–1987) zeigen, wie Intuition und automatische Techniken auch in der Porträtmalerei Niederschlag fanden.

Dem Künstler dient das Selbstporträt als Mittel der Selbstbefragung und -Kritik, aber auch der Selbststilisierung und -inszenierung. Die Autoporträt-Studien des britischen Malers Francis Bacon (1909-1992) gehören zu den bedeutendsten Aussagen des Künstlers über sein Selbstverständnis, regelmäßig kommen sie auch im Schaffen der zeitgenössischen Maler Volker Stelzmann (*1940) und Johannes Heisig (*1953) vor.

Eine formal-kompositorische Methode in der Darstellung des Kopfes gibt es in einer Vielzahl der Exponate, in ganz unterschiedlicher Ausprägung bei dem deutschen Bildhauer Michael Croissant (1928-2002), 22 Jahre lang Professor an der Städelschule Frankfurt, der den Kopfbis ins Schemenhafte reduziert und bei dem Dresdner Maler Max Uhlig (*1937), der den Kopf in einer Überlagerung von dunkleren Pinselschwüngen gleichsam „durchleuchtet“.

In seiner charakteristischen Technik stellt Anselm Kiefer (*1945)  Mao dar. Das repräsentative Konterfei des Diktators, so wie es in vielen Amtsstuben und auf Plätzen Chinas zu sehen war, gibt er im Stadium des  Verfalls wieder. Das Gemälde ist nach Kiefers China-Reise 1998/1999 entstanden und gehört zur Werkserie Lasst 1000 Blumen blühen, die den Niedergang Maos und der Kulturrevolution zum Thema hat.

Eindeutig politisch intendierte Aussagen stehen Gemälden gegenüber, die ganz im Privaten bleiben, die sich, indem sie den Blick des Betrachters suchen, gleichzeitig öffnen, um doch nicht mehr preis zu geben als ihre offensichtliche Erscheinung. Dies trifft für die monumentalen „Zwillingsporträts“ des italienischen, in Berlin lebenden Malers Andrea Ventura (*1968) ebenso zu wie für die kleinen Bildnisse aus der Serie Blicke der Frankfurter Porträtistin Constanza Weiss (*1967).

Der Japaner Katsura Funakoshi (*1951) zählt zu den eigenwilligsten zeitgenössischen Bildhauern mit hoher internationaler Wertschätzung. Seine poetisch leisen, aus duftendem Kampferholz geschnitzten Figuren sind sorgfältig gearbeitet und partiell bemalt; aus Marmoraugen unnahbar ins Leere blickend, wirken sie seltsam entrückt und zeitlos.

Dem Ausgangsmaterial Holz nähern sich zwei weitere Künstler der Ausstellung auf jeweils eigene Art: Seit Jahren schneidet, sägt und färbt der Österreicher Alfred Haberpointner (*1966) Köpfe von immer gleicher Grundstruktur. Der deutsche Bildhauer Reinhard Voss (*1959) hingegen schneidet seine flach reliefierten Köpfe aus zusammengeleimten Latten und erreicht dadurch eine vom Antlitz unabhängige graphische Wirkung, die er mit einer gezielten Übermalung noch weiter transformiert.

Dietrich Klinge (*1954) und Eckhard Kremers (*1949) widmen sich der Bronzeskulptur und schaffen Köpfe von archaischer Anmutung.

Der Düsseldorfer Maler Bernd Schwarzer (*1954) beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Europa, der deutschen Wiedervereinigung und den Menschenrechten, die er chiffriert mittels Farbe in seinen Werken aufgreift. In einem Prozess von mehreren Jahren spachtelt, streicht, tupft er die Ölfarbe pastos übereinander.

Die kleine, farbig gefasste Bronzeplastik von Markus Lüpertz (*1941), Heinrich IV betitelt, trägt unverkennbar die Züge des exzentrischen Malerfürsten.

Die farbintensiven, sinnlich-starken Frauenporträts der in Wien lebenden Malerin Saša Makarova (*1966) stehen in der Tradition des postmodernen Expressionismus; der ungestüme Pinselduktus ihrer Malweise überführt die Leidenschaft für die Malerei und das Leben mit unnachahmlicher Ausdruckskraft auf den Bildträger und  belebt ihre Figuren mit Emotionen und Charakter.

Die Serie der Hidden Treasures (H.T.) des Östereichischen Künstlers Martin C. Herbst (*1965) geht den Geheimnissen der Reflektion auf den Grund. Durch die starken Falten des spiegelnden Aluminiums kommt das eigentliche Gemälde nur teilweise und lediglich  durch seine Reflektionen zum Vorschein.

Abbild und Spiegelung sind miteinander verschmolzen und verwandeln geradezu greifbare Malerei in ein kurzlebiges und visuelles Erlebnis.

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